06.06.19

Wohnfläche ist ein Wohlstandsfaktor, aber dennoch müssen wir zusammenrücken.

Das Dialogforum der Kirchen und die Evangelische Akademie Bad Boll starteten die Reihe „Impulse für die IBA“ mit einer Veranstaltung zum Thema Wohnflächenkonsum.
Um Wohnflächenkonsum und die Folgen für die Gesellschaft ging es am 4. Juni 2019 in der Auftaktveranstaltung der Reihe „Impulse für die IBA“, mit der kirchliche Institutionen die Internationale Bauausstellung IBA 27 StadtRegion Stuttgart begleiten.

Marie Glaser (ETH Wohnforum Zürich) identifizierte die Vereinzelung in der Gesellschaft als stärksten Treiber der Erhöhung der Wohnfläche pro Kopf in den letzten Jahrzehnten. Vor allem die vielen Singlehaushalte, darunter Menschen, die im hohen Alter noch alleine im Einfamilienhaus lebten, trügen dazu bei, dass die durchschnittlich konsumierte Wohnfläche immer mehr steige. Auf diese Situation müsste mit innovativen Ansätzen für neue Wohnformen geantwortet werden, z. B. mit attraktiven kleineren Wohneinheiten für Senioren. Darüber hinaus stellten weitere zentrale Forderungen die Wiedereinführung der Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau, eine Stärkung des Anteils der Genossenschaften sowie ein Mehr an Mitbestimmung und Selbstverantwortungsstrukturen dar.

Eva Dick (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn) näherte sich dem Thema Wohnflächenkonsum über die UN-Nachhaltigkeitsziele, die durch das Ziel 11 „Nachhaltige Städte“ auch Forderungen zur Bereitstellung von Wohnraum umfassen. Die soziale Ungleichheit sei besonders eklatant in den großen Metropolen, gleichzeitig wohnen über 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Als bedeutsam hob sie insbesondere die Einbeziehung der Bevölkerung in die Stadtentwicklung und die Berücksichtigung der lokalen Eigenarten hervor. Auch die Reduktion der durch Siedlung und Verkehr beanspruchten Flächen bei gleichzeitiger Erhöhung der Freiraumqualität und Reduktion des Energieverbrauchs sind strategische Ziele, die sich aus den SDGs ableiten. Die wichtigste Leitlinie, so ihre Schlussfolgerung, sei jedoch die Gemeinwohlorientierung.

Auf die Impulsreferate der beiden externen Referentinnen antworteten regionale Akteure:

Thomas Kiwitt (Leitender Technischer Direktor im Verband Region Stuttgart) wies darauf hin, dass Familien mit Kindern durch die Verteuerung des Wohnraums aus den Städten „herausgemobbt“ würden.

Helmuth Caesar (Geschäftsführer der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbh) appellierte eindringlich, das persönliche Konsumieren von Wohnfläche ernsthaft zu hinterfragen. Nur auf dieser Grundlage könne eine ehrliche Debatte stattfinden.

Andreas Hofer (Intendant der IBA 27 StadtRegion Stuttgart) plädierte für eine dichtere Bebauung, die aber in hoher Qualität realisiert werden müsse, wie er mehrfach betonte. Es gelte, die Bevölkerung von den Vorteilen dieser Art von Bebauung, etwa, weil die Wege für die Bedürfnisse des täglichen Lebens kürzer sind, zu überzeugen.

Die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich rege an der Diskussion. Zu Beginn der Veranstaltung konnten von den Teilnehmenden verschiedene Thesen zum Wohnflächenkonsum bewertet werden. Viel Zustimmung fanden die Thesen, dass Wohnflächenkonsum ein Wohlstandsfaktor sei und dass die Wohnfläche pro Kopf zukünftig reduziert werden müsse. Uneinigkeit herrschte im Publikum aber darüber, wie dieses Ziel erreicht werden könnte.

Die Reihe „Impulse für die IBA“ wird am 6. und 7. November 2019 mit einer Tagung zum Thema Bodenpolitik fortgesetzt.