05.03.20

„Selbst isst die Stadt“ – Was Urbane Gärten zur Stadtentwicklung beitragen können

„Was kann Urbanes Gärtnern für das grüne Quartier leisten?“ – diese Frage stand im Mittelpunkt der Debattenveranstaltung aus der Reihe „Impulse für die IBA“, die am 4. März 2020 im Stuttgarter Hospitalhof stattfand.

Bereits zum dritten Mal luden das Dialogforum der Kirchen und die Evangelische Akademie Bad Boll zu diesem Veranstaltungsformat ein, mit dem kirchliche Institutionen die Internationale Bauausstellung IBA´27 begleiten.

Ca. 700 Urbane Gärten gibt es bundesweit, berichtete Dr. Christia Müller, Soziologin und Herausgeberin des Werks „Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ in ihrem Vortrag. Diese Gärten hätten das Potential, Menschen unterschiedlicher Sozialmilieus zusammenzubringen, denn die Interaktion finde nicht über Sprache, sondern über die gemeinsame Arbeit statt.

Bei den Gärten handele es sich nicht um Zufluchtsorte, wie es Kleingärtenkolonien sind, sondern im Gegenteil um einen neuen Raumtypus, der Privates und Öffentliches verbinde und im urbanen Umfeld zu Kommunikation einlade.

Der Vortrag von Christa Müller wurde ergänzt durch Impulse einiger regionaler Akteure. Dr. Markus Strauß, Gründer der Stiftung EssbareWildpflanzenParks plädierte dafür, Wildpflanzen wieder zu entdecken und bewusst in die Ernährung mitaufzunehmen. Dies könne auch in Urbanen Gärten geschehen.

Andreas Zeger, Mitgründer des Gemeinschaftsgartens Chloroplast in Weilimdorf (Stuttgart) zeigte am Beispiel von Chloroplast die vielfältigen Funktionen eines Urbanen Gartens: Arten würden geschützt werden, Kindern könnte ein Naturerlebnis geboten werden, Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen fände statt.

Bastian Winkler, Agrarwissenschafter an der Universität Hohenheim, ergänzte, dass ein Urbaner Garten als Ökosystem einen direkten Beitrag zum Wohlergehen des Menschen leiste und dass dieser Beitrag monetär gemessen werden sollte. Damit hätte man ein gutes Argument in der Hand, Urbane Gärten in Städten zu fördern. 

In der anschließenden Diskussion hob der Intendant der IBA´27, Andreas Hofer, hervor, dass Urbane Gärten einen wertvollen Beitrag zur Stadtentwicklung leisten können und dass auch das durch sie erzeugte politische Spannungsfeld Impulse für die Gesellschaft setzen könne. Er signalisierte, dass er gerne bereit sei, im Rahmen der IBA eine Förderung der Initiativen zu ermöglichen. Dies setze allerdings eine gewisse Strahlkraft der Projekte voraus.

Auch die ca. 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich rege an der Diskussion. Schwerpunkt der Beiträge aus dem Publikum war der grundsätzliche Umgang mit öffentlichem Raum, die Frage, wem er denn nun eigentlich gehöre, inwieweit eine Stadtverwaltung Urbane Gärten unterstützen sollte und welche Zielkonflikte sich zwischen der „autogerechten“ und der „gartengerechten“ Stadt ergeben könnten.

Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, dass Urban Gardening ein Phänomen mit einem breiten Kaleidoskop an Motiven ist: Es geht um „gute“ Landwirtschaft und Ernährung, um ökologische Fragen, darum Räume der Gemeinschaft zu schaffen und Stadt zu gestalten. Darüber hinaus sind die Urban Gardening Projekte aber auch Orte des Widerstands und Protests und möchten Impulse für die Transformation zur Postwachstumsökonomie setzen. Nicht zuletzt sind sie ein Ort der Spiritualität; denn es geht auch um Achtsamkeit, sinnstiftende Erfahrungen und die Verbundenheit mit der Natur.

 

Die Reihe „Impulse für die IBA“ wird am 23. und 24. November 2020 mit der Tagung Grün und gut !? – Wege zur klimaresilienten Stadt von morgen“ in Bad Boll fortgesetzt.